19.11.2023

39. Ärztetag im Erzbistum Paderborn fragt nach „Gerechter Gesundheit“

Priorisierung von Gesundheitsleistungen und Gleichbehandlung von Patienten

140 Teilnehmende erhalten Impulse aus den Bereichen Medizin, Ethik und Theologie

„Gerechte Gesundheit? – Priorisierung als (Krisen-)Instrument in der Medizin“ war Thema des mittlerweile 39. Ärztetages im Erzbistum Paderborn. Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck begrüßte als aktueller Leiter des Erzbistums Paderborn 140 Medizinerinnen und Mediziner am Samstag, 4. November 2023, im Bildungs- und Tagungshaus Liborianum in Paderborn – eine Rekord-Teilnehmendenzahl, so dass sogar eine Warteliste angelegt wurde. Drei hochkarätige Fachreferenten aus den Bereichen Medizin, Ethik und Theologie nahmen das Thema „Gerechte Gesundheit“ in den Blick und gingen der Frage nach, wie angesichts der „Priorisierung medizinischer Leistungen“ Patientinnen und Patienten „gerecht“ und „gleich“ behandelt werden können.

Angesichts der zunehmenden Knappheit von Ressourcen sowie ihrer Finanzierbarkeit sei die Priorisierung von Gesundheitsleistungen schon mehrere Jahrzehnte aktuell, diagnostizierte Diözesanadministrator Monsignore Dr. Bredeck in seiner Einführung zum diesjährigen Ärztetag. Die zurückliegende Corona-Pandemie habe die Frage der Priorisierung von Gesundheitsleistungen „hochgradig“ aktuell gemacht. Beispiele für deren Aktualität und Virulenz seien zudem die Transplantationsmedizin, Engpässe in der Medikamentenversorgung, aber auch die Frage, welche medizinischen Leistungen in die Regelversorgung von Patienten einfließen.

Der patientenrelevante klinische oder medizinischen Nutzen, der sich im Überleben einer schweren Krankheit oder der Gesundung und Verbesserung der Lebensqualität zeige, könne in Konkurrenz zu ganz anders gearteten Kriterien geraten, wenn beispielsweise die Frage vorhandener Kapazitäten – Stichwort: Intensivbetten – und die dadurch entstehende Konkurrenz von Patientengruppen eine Rolle spielen, verdeutlichte der aktuelle Leiter des Erzbistums Paderborn die Brisanz des Themas „Gerechte Gesundheit“. An die Referentin und Referenten sowie die zahlreichen Teilnehmenden richtete Monsignore Dr. Bredeck die Frage: „Welche Faktoren müssen zwingend beachtet werden, damit eine Gleichbehandlung der einzelnen Patienten gewährleistet werden kann? Wie können angesichts der Priorisierung medizinischer Leistungen gerechte Entscheidungen getroffen werden, die die Gleichheit der Menschen wahren?“.

 

"Vertrauen" im Patienten-Arzt-Verhältnis

Professor Dr. med. Giovanni Maio von der Universität Freiburg kennzeichnete in seinem Vortrag „Medizin als Hilfeversprechen – Über die Gefahr der Ökonomisierung für das Vertrauen in die Medizin“ den Beruf des Arztes als „freien“ Beruf im Gegensatz zu einem handwerklichen oder gewerblichen Beruf. Aufgabe des Arztes sei es, herauszufinden, was Patienten „gut-tut“: Als Vertreter eines Heilberufes diagnostiziere ein Arzt und sorge dafür, eine „gute“ Behandlung und Medikation zu leisten. „Entscheidungsfreiheit“ sei für die Tätigkeit eines Arztes unabdingbar – „Freiheit nicht als Privileg, sondern um im Sinne eines Patienten entscheiden zu können“, betonte der Universitätsprofessor für Bioethik und Medizinethik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Professor Dr. Maio, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin, vertiefte, dass „Vertrauen“ für das Arzt-Patienten-Verhältnis wesentlich sei: „Wenn Patienten Ärzten vertrauen, dann verlassen sie sich darauf, dass ein Arzt sich kümmert, es ‚gut‘ mit ihnen meint – und zwar im Sinne des Patienten. Patienten vertrauen darauf, dass ein Arzt sein Wissen und Können im Sinne des Patienten einsetzt.“ Ein Arzt dürfe nicht in Ziel- oder Interessenskonflikte kommen, verlangte Professor Dr. Giovanni Maio, der auch Mitglied des Ausschusses für ethische und juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer ist. Die Ökonomisierung in der Medizin bedeute allerdings für Ärzte einen Interessenskonflikt und schade dem Ansehen der Ärzte, unterstrich Professor Dr. Maio und forderte: „Ärzte müssen in Strukturen arbeiten, die Vertrauen in sie ermöglichen.“

 

„Normative Pflöcke“ einer Priorisierung

In ihrem Vortrag „Die Priorisierung im Gesundheitswesen – moraltheologisch geboten?“ benannte Professorin Dr. theol. Kerstin Schlögl-Flierl von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg sowohl „Formale Kriterien“ wie Transparenz, Begründung, Legitimität, Offenlegung und Ausgleich von Interessenkonflikten, wirksamer Rechtsschutz und Regulierung als auch „Inhaltliche Kriterien“ wie beispielsweise medizinische Bedürftigkeit (Schweregrad und Gefährlichkeit der Erkrankung, Dringlichkeit des Eingreifens) und den erwarteten medizinischen Nutzen sowie Kosteneffektivität. In der Priorisierungsdebatte gebe es im Hinblick auf die Kriterien „Schweregrad der Erkrankung“, „Dringlichkeit und Dauer einer Behandlung, die Effektivität bzw. Patientenbenefit einer Maßnahme“ sowie „Kosten-Effektivitätsmaßnahme“ eine breite Übereinstimmung, sie seien „normative Pflöcke“, erläuterte Professorin Dr. theol. Kerstin Schlögl-Flierl, die seit drei Jahren Mitglied des Deutschen Ethikrates ist.

Die Lehrstuhlinhaberin für Moraltheologie an der theologischen Fakultät der Universität Augsburg verdeutlichte durch universalkirchliche Aussagen, dass die Sorge um die Gesundheit Ausdruck der Achtung der Würde des Menschen sei. Professorin Dr. Kerstin Schlögl-Flierl kennzeichnete abschließend die „Triage“ – die „Auswahl“ oder „Sichtung“ über die Dringlichkeit und Reihenfolge der Behandlung von Patienten, so dass alle die bestmögliche Versorgung erhalten – als „Kriseninstrument der Priorisierung“, sie sei eine „Rationierung in einer Ausnahmesituation“, verfolge primär das Ziel, Hilfe möglichst auf diejenigen zu konzentrieren, bei denen die Hilfe am besten hilft – Ziel einer „Triage“ solle sein, möglichst viele Menschenleben zu retten und die Todesfälle zu reduzieren.

 

Gesundheit als „Gut“

Das Thema „Gesundheit als soziales Fundament der Demokratie“ beleuchtete Professor Dr. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h. c. Eckhard Nagel. Der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth stellte „Gesundheit“ als ein transzendentales und konditionales „Gut“ vor, das – ebenso wie Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit – die Bedingung der Möglichkeit der Realisierung aller anderen Güter sei. Grundprinzipien des deutschen Gesundheitswesens seien Solidarität und Subsidiarität, durch Artikel 2 des Grundgesetzes sei geregelt, dass „jeder“ das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit habe.

Obgleich Deutschlands Gesundheitssystem zu den besten weltweit gehöre, gebe es Disparitäten (ländlicher Raum, regionale Versorgung, Metropolregion), vulnerable Gruppen (Ältere, Kinder und Jugendliche, Migrationen, Sprachbarrieren), soziale Ungleichheit (arm-reich, Geschlechtsorientierung), sozio-ökonomische Rahmenbedingungen (Einschränkungen bei Zugangsmöglichkeiten, Wahlfreiheit und Therapiefreiheit) sowie unterschiedliches gesundheitsbewusstes Verhalten und Gesundheitskompetenz (abhängig von Bildung, Ernährung, Bewegung), erläuterte der Universitätsprofessor.

Professor Nagel beschrieb verschiedene „Rationalitäten“: individuell, ökonomisch, sozial / kollektiv sowie anthropologisch. Im Blick darauf warnte der Wissenschaftler vor der „Verselbstständigung, Verabsolutierung und normativen Überhöhung einzelner Rationalitäten“: „Die ökonomische Rationalität scheint in der Tendenz heutzutage überbewertet.“ – Wobei: „Wirtschaftliche Ziele per se als ‚unmenschlich‘ abzulehnen“, spreche für ein „inakzeptables Verständnis von Ökonomie“. Als aktuelle Herausforderungen an die Gesundheitsversorgung benannte Professor Nagel, das gesellschaftliche Vertrauen zu erlangen sowie die Seriosität der Wissenschaft darzulegen. „Vertrauen wächst nicht proportional zu den gesellschaftlichen Leistungserwartungen“, unterstrich der Mediziner, Ethiker und Theologe abschließend.

Ein von Dr. Ulrich Polenz moderiertes Podiumsgespräch Referierenden mit den Teilnehmenden rundete den Ärztetag ab. Dr. Ulli Polenz ist niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Paderborn-Wewer und seit vielen Jahren Mitglied der Planungsgruppe des Ärztetages. Durch den Tag führte Dr. Werner Sosna, zuständiger Bildungsreferent im Bildungs- und Tagungshaus Liborianum und Mitglied der Planungsgruppe für den Ärztetag.

 

Ärztetag im Erzbistum Paderborn

Der Ärztetag im Erzbistum Paderborn ist ein interdisziplinäres Forum, um aktuelle oder grundsätzliche Fragen aus dem Bereich der medizinischen Ethik im Horizont des christlichen Menschenbildes zu reflektieren. Die Kirche von Paderborn stellt sich damit ihrer pastoralen und sozialethischen Verantwortung, sich am Dialog der Wissenschaften und der gesellschaftlichen Leitbilder zum Wohle des Menschen zu beteiligen. Zu der traditionsreichen Ärztetagung lädt der Erzbischof von Paderborn seit 1985 einmal jährlich in die Bischofsstadt ein. Der Ärztetag im Erzbistum Paderborn findet in Kooperation mit der Akademie für medizinische Fortbildung der Ärztekammer Westfalen-Lippe und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe statt.

 

Ein Beitrag von: Thomas Throenle, Team Presse

 

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Wie können angesichts der Priorisierung medizinischer Leistungen gerechte Entscheidungen getroffen werden, die die Gleichheit der Menschen wahren?“ Mit dieser Frage führte Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck ins Thema des 39. Ärztetages ein. © Thomas Throenle | Erzbistum Paderborn
Wie können angesichts der Priorisierung medizinischer Leistungen gerechte Entscheidungen getroffen werden, die die Gleichheit der Menschen wahren?“ Mit dieser Frage führte Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck ins Thema des 39. Ärztetages ein. © Thomas Throenle | Erzbistum Paderborn